Gut gebrüllt Luzerner Löwe!

Das 200-Jahr-Jubiläum des Luzerner Löwendenkmals ist ein Mehrjahresprojekt. Bereits seit 2017 und bis zum Jubiläum am 10. August 2021 thematisieren Ausstellungen, Performances, Veranstaltungen und Publikationen das weltweit bekannte Denkmal aus verschiedensten, denkwürdigen Blickwinkeln.

TEXT Angel Gonzalo
Lesezeit 7 Minuten

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er «König der Tiere» ist bedroht. Noch vor 200 Jahren lebten eine Million Exemplare auf dem afrikanischen Kontinent. Heute sind es lediglich gegen 23 000 in isolierten Gebieten. Das Denkmal in Luzern zeigt einen sterbenden Löwen, dies in Erinnerung an die beim Tuileriensturm in Paris 1792 gefallenen Schweizer Söldner. Durch die Klanginstallation «Löwendenkmal 2.0 – Chor der ausgestorbenen Tiere» des Küssnachter Künstlers Andreas Weber vom August 2019 erhielt die männliche Grosskatze eine aktuelle und ebenso traurige Bedeutung. Es gebe viele Indizien dafür, so verkündete der WWF anlässlich dieses Kunstevents, dass die Welt von einem Massensterben von Pflanzen und Tieren heimgesucht werde. Zwar sei es nicht das erste grosse Artensterben, aber das erste, das vom Menschen beeinflusst werde. Unser Löwe ist in Sandstein gehauen, daher zum Glück unsterblich. Gerade darum steht unser Löwendenkmal durchaus auch im Sinne von: Mensch, denk mal nach!

Gesellschaftsreflektierender Gegenwartsbezug
Seit gut zwei Jahren ergründet und bespielt der Verein Löwendenkmal 21 der Kunsthalle Luzern (L21) das Luzerner Löwendenkmal mit künstlerischen Mitteln. Dieses Jahr dreht sich alles um das Thema «Das Vermächtnis des Löwen – The Lion’s Legacy». Die Leiterin und Kuratorin des Projektjahres, Dr. Karin Mairitsch, freut sich auf ein spannendes Jahresthema: «Wir haben uns vorgenommen, das Vergessene, Unsichtbare und Weggeschobene unseres weltberühmten Löwen ans Licht zu bringen.» Im Zentrum stehe ein nachdenklicher und gesellschaftsreflektierender Gegenwartsbezug, der uns vom damaligen Söldnertum zum heutigen Waffen- und Tourismusgeschäft bis hin zu Street Art und weiter in die Zukunft führt. Künstlerische Interventionen und Ausstellungen mit dem Schwerpunkt auf Kunst und Literatur werden bis zum Jahresende das brisante Erbe des Löwen ins Gedächtnis rufen. Für Karin Mairitsch ist die im Herbst geplante Ausstellung «Die dunkle Seite des Löwen – The Dark Side of the Lion» in der Kunsthalle Luzern wegweisend. Junge Künstlerinnen und Künstler nationaler wie internationaler Herkunft sind aufgerufen, ihre Sicht auf das Denkmal darzulegen. Eine durchaus kritische, zum Denken anregende Sicht, wie die Projektleiterin erläutert: «Sie werden uns unseren Umgang mit Erinnerungskultur in Bezug auf Machtstrukturen, Privilegien und Diskriminierungen deutlich vor Augen führen. Querdenkend werden die Kunstschaffenden gegenwärtige Herausforderungen thematisieren und aufzeigen, wohin uns dies führen könnte.» Die Kunsthalle Luzern, so viel sei hier verraten, wird in eine «Schutthalde denkwürdiger Momentaufnahmen» verwandelt. Wir dürfen gespannt sein.

Auch eine Konsequenz des menschengemachten Klimawandels steht dieses Jahr im künstlerischen Fokus: Das junge Bildungs- und Künstlerinnen- und KünstlerKollektiv «Biotop der Relevanz» inszeniert vom 18. April bis 10. Mai 2020 mit seiner Kunstinstallation «Whitening Out» das Korallensterben vor dem sterbenden Löwen auf anschauliche, haptische Weise. Der Verein L21 unterstützt dieses Projekt ideell und nimmt das Thema im Herbst in einer Ausstellung in der Kunsthalle Luzern auf.

Karin Mairitsch

ist bildende Künstlerin, Autorin, Dozentin, Kuratorin und Herausgeberin einiger Fachbücher im Bereich Medien, Gesellschaft und Kunst. Sie hat Ausstellungen und Performances im In- und Ausland gemacht und war Mitglied vieler Fachjurys. Im Frühjahr 2020 wird ihr Roman-Manuskript «Schweizweh» mit dem Werkbeitrag der Zentralschweizer Literaturförderung ausgezeichnet. Karin Mairitsch, 1968 in Klagenfurt/Österreich geboren, studierte Malerei an der Akademie der bildenden Künste in Wien und promovierte an der Kunstuniversität Linz. Neben ihrer künstlerischen Tätigkeit war sie von 2011 bis 2015 Vizedirektorin für den Bereich Bachelor & Vorkurs an der Hochschule Luzern – Design & Kunst, Vizerektorin der Fachhochschule Salzburg zwischen 2008 und 2011 sowie Studiengangsleiterin am Studiengang MultiMediaArt der Fachhochschule Salzburg 2003 bis 2008. Sie lehrte an verschiedenen Hochschulen und war Leiterin medienspezifischer Lehrgänge und Kurse sowie Artdirektorin und Geschäftsführerin bei bekannten Mediaagenturen. Als Aktivmitglied – von 2017 bis 2019 Co-Präsidentin bzw. von 2013 bis 2019 Vorstandsmitglied der Visarte Zentralschweiz und bis 2016 auch der Kunsthalle Luzern – engagiert sie sich für die Anliegen bildender Künstlerinnen und Künstler.

Das Jahr fruchtbarer Kooperationen
Ein weiterer wichtiger Eckpfeiler des Mehrjahresprojekts um das Jubiläum ist der partizipative Charakter. In diesem Jahr wird sich dieser unter anderem in der Zusammenarbeit mit zahlreichen Partnerschaften aus Bildung und Wirtschaft äussern. Karin Mairitsch freut sich auf die Schaffung von einigen «Erinnerungsstücken», das sind kleine «Take Memories Home»-Artefakte mit Bezug zum Luzerner Löwen. Die Eichhof-Brauerei tüftelt in Kooperation mit L21 an einem künstlerisch gestalteten Jubiläumsbier in limitierter Auflage. In einer öffentlichen Ausschreibung werden schweizweit Künstlerinnen und Künstler eingeladen, die Etikette in ein «denkmalwürdiges Kunstwerk» zu verwandeln. Die Hochschule Luzern Design & Kunst, konkret die Summerschool mit chinesischen Gästen sowie die Studienrichtungen Objekt- und Textildesign mit Unterstützung von Casagrande Souvenirs, gehen dem Geheimnis interkultureller Verständigung nach und werden daraus einzigartige Souvenirs gestalten. Voraussichtlich im Herbst ist die Bevölkerung, in Kooperation mit dem Lichtspiel Kinemathek Bern, zur aktiven Teilhabe aufgerufen: Die Veranstaltung «Amateurfilm unterwegs» gibt Gelegenheit, privates Filmmaterial, das im Kontext des Denkmals entstanden ist, gemeinsam anzuschauen und zu besprechen.

Diverse Performances und Veranstaltungen vor dem Denkmal und in der Kunsthalle Luzern runden das reich befrachtete Jahresprogramm ab. Den Auftakt macht im Sommer die bulgarische Künstlerin Olga Georgieva mit der Livepainting-Perfomance «Lost in a Conversation» vor dem Denkmal. Geplant sind ausserdem Spoken Word Performances, Künstlerinnen- und Künstlergespräche und diverse Kunstaktionen. Unser Stadtmagazin wird das spannende Jahresprogramm weiter begleiten.


Derzeit Teilnehmende

Ausstellung Kunsthalle Luzern 
Olga Georgieva 
olgageorgieva.com

Jeanne Jacob
jeannejacob.com

Mirjam Ayla Zürcher
mirjamaylazuercher.ch

Künstlerkollektiv Grey-Time -
Jeremias Altmann & Andreas Tanzer 

greytime.net

Paul Busk 
cmod.at

Claudia Schildknecht 
claudiaschildknecht.com

Biotop der Relevanz 
biotopderrelevanz.com

Anouk Koch
Christian Löffel
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Nominierte Performancekünstlerinnen:
Nina Langensand 
luzernertheater.ch/ninalangensand

Riccarda Naef 
riccardanaef.ch

Manuel Kühne 
manuelkuehne.ch/

Weitere Informationen zu den laufenden
und vergangenen Teilprojekten finden Sie unter

loewendenkmal21.ch