Voll dagegenhalten – gegen die Namen der Angst. Versuchen wir den Durchblick zu bewahren

Das gab es schon lange nicht mehr: echten Notstand. Ein Virus hat ihn uns aufgebürdet. Die Folgen werden immens sein. Vor allem in unseren Köpfen. Zeit, Gegensteuer zu geben.

TEXT Bruno Affentranger
Lesezeit 3 Minuten

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ir wollten eigentlich in diesem Magazin nichts über Corona-Virus schreiben, nichts von «Bodycounting», vom Wegbrechen von Gewohntem, von wirtschaftlichen Einbrüchen.

Wir wollten all das Genannte nicht ansprechen, weil dies zwar alles wichtige Themen sind, sie aber eher als Platzhalter für eine Angst fungieren. Sie sind die Namen der Angst.

Die Namen der Angst verschleiern den Durchblick.

Was also könnten wir tun?

Wir halten uns an den antiken, griechischen Philosophen Epiktet. Dieser lehrte seinen Schülern: «Wir können die Dinge nicht immer ändern, aber wir können unsere Haltung gegenüber den Dingen ändern.» Ein realistisches Anerkennen der aktuellen Zustände hilft und ist die gute Ausgangslage für weitere Überlegungen.

Wenn historische Einschnitte eine Gemeinsamkeit aufweisen, dann ist es diese: Sie sind «Points of no return». Wer sie durchschritten hat, wird nie mehr zurückkönnen. Die Spielregeln werden sich danach geändert haben.

Wer darüber bereits jetzt nachdenkt, wird möglicherweise noch mehr als nur Zeit gewinnen.

Ein paar Gedankenanstösse dazu:
Wir leben in einer globalisierten Welt, die vor allem eine Welt der radikal globalisierten Lieferketten ist. Diese werden derzeit unterbrochen. Eine Angebotsdelle droht, weil die Teile aus aller Welt derzeit nicht mehr locker mit dem Flugzeug oder auf dem Schiff zu uns herangeführt werden. Die Lehre für alle daraus: Vielleicht macht es Sinn, wieder vermehrt in der Nähe zu produzieren, auch wenn derzeit die Kosten noch höher sind, als sie beispielsweise in Asien wären? Die Vollkosten und Risiken sind noch grösser, wie wir gerade lernen.

Das soziale Distanzschaffen («social distancing»), das alle Gesundheitsspezialisten propagieren, treibt uns stärker in die Digitalisierung. Wer kann, ersetzt physische Begegnungen, Meetings, Lektionen und anderes durch Webinars, Chatrooms, Telefonkonferenzen. Die Durchdringung des Lebens durch Online-Technologien wird einen gewaltigen Schub erfahren. Viele reale Handlungen kehren nicht mehr zurück, wenn nichts mehr als das Gut selber angeboten wird. Das sollte insbesondere den Betreibern von Luxusgütergeschäften zu denken geben. Ihre Standort- und Immobilienpolitik wird sich ändern. Welche Zusatzangebote sollten sie erfinden? Diese Frage gilt wiederum für fast jedes Business. Die klassischen, schaustellerisch genutzten Ladenflächen in Erdgeschossen haben ausgedient.

In der Stadt Luzern erinnert der Einbruch der Wirtschaft an den Konjunkturabbruch im Juli 1914. In den Wochen vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs kam das boomende Business mit den Reisenden vollständig zum Erliegen. Von einem Wochenende aufs andere wechselte eine schon länger spekulativ überhitzte Regionalwirtschaft in den Leermodus. Dieser hielt an. 1913 war das Hotel Anker als letztes grosses Haus gebaut worden. Erst 1956 kam mit dem «Astoria» das nächste dazu. Das muss diesmal nicht so bleiben. Muss man vor diesem Hintergrund eine kürzlich im Grossen Stadtrat diskutierte Eindämmung von Luzerner Marketinganstrengungen in Übersee (Amerikas, Asien) als suizidal bezeichnen? Wären nicht vielmehr wagemutige Neukonzepte zur Verkaufsstärkung gefragt? Das gilt für das grosse Ganze genauso wie für einzelne Betriebe wie Hotels, Restaurants, Bahnen oder Boutiquen.

Weil vielen – privaten Haushalten wie auch den Unternehmen – schnell das flüssige Geld auszugehen droht, sind Hilfen dringend notwendig. Gerade staatsnahe Finanzinstitute müssen entgegenkommen. Es braucht (Mehrwert-)Steuererleichterungen, Fristenerstreckung, unkomplizierten Support. Der politisch geführte Kampf um die richtige Verteilung ist bereits eröffnet. Er wird letztlich auf dem Terrain des Kapitalismus gefochten. Dieser steht in der fundamentalen Kritik, denn er hat seine Anfälligkeit ja erneut bewiesen, seine Flexibilität und Robustheit wird er erst noch zeigen können. Warnende und Bewirtschaftende des klimatischen Untergangs stehen Seite an Seite, ihnen gegenüber altbacken wirkende Politiker und Betriebswirte mit Managementhandbüchern, die mit zu simplen Modellen hantieren. Noch lähmt und eint die Angst sie alle gleichermassen. Doch ist der Kampf um höhere Robustheit oder nachhaltigere Gestaltung unter Einbezug der Ökologie nicht einfach vertagt? Werden Brückenbauende in Zukunft noch mehr gefragt sein?

Denken Sie weiter mit uns nach! Mail an: info[at]stadtsicht.ch