Der Weg aus dem gedanklichen Gefängnis
Didi Schmidle lebt und praktiziert als Arzt in Luzern. Der Schulmediziner mit Affinität zu alternativen Methoden und zur buddhistischen Lehre zeigt uns mögliche Wege zur Überwindung des mentalen Lockdowns.

Eine Persönlichkeit mit Ecken und Kanten
Didi Schmidle (69) ist ein weitgereister Arzt mit vorarlbergischen Wurzeln. Er studierte ein Jahr Theologie in Innsbruck, entschied sich dann aber für ein Medizinstudium in Wien. Danach spezialisierte er sich im Bereich Sportmedizin. Didi Schmidle war mehr als zwei Jahrzehnte lang Gefängnisarzt in Luzern. Seit über 25 Jahren ist er Vertrauensarzt im Zirkus Knie. 1979 traf er den Dalai Lama in der Schweiz. Seither ist er mit dem geistlichen Oberhaupt der Tibeter freundschaftlich verbunden und beschäftigt sich intensiv mit der buddhistischen Lehre.
Herr Schmidle, haben Sie Angst vor Corona?
Didi Schmidle: Der Begriff Angst ist vielschichtig. Als Kinder haben wir Angst davor, ein Spielzeug zu verlieren. Als Jugendlicher macht uns der Verlust einer Beziehung Angst. Wir haben Angst vor dem Leben und vor dem Tod. Aber vor allem beeinflusst uns das Ungewisse in dieser – zugegeben – schwierigen Situation in besonderem Mass. Jetzt passiert etwas mit uns aufgrund der Corona-Pandemie. Die Angst wird auch medial geschürt. Politische Kräfte präsentieren uns Massnahmenrechtfertigungen.
Sind diese Massnahmen für uns Menschen beunruhigend?
Wir werden durch die Massnahmen in eine Struktur gezwungen, die Fragen über unsere Grundrechte aufwirft. Die Frage muss erlaubt sein: Darf der Staat so eingreifen, dass er Zwänge oder Massnahmen erlässt, die derart stark auf unser Empfinden einwirken? Die politisch Verantwortlichen müssen sich überlegen, welche Massnahmen Sinn machen.
Wir erfahren fast stündlich die neuesten Zahlen. Verschlimmert diese mediale Bearbeitung des Themas die Lage?
Es ist wenig erbaulich, dass wir medial mit Bildern und Informationen bedient wurden und werden, die Angst machen: etwa übervolle Notfall- und Intensivstationen oder Leichen, die vom Militär in den Friedhof transportiert werden, wie in Italien im letzten April. Der Fokus sollte auf einer besseren Aufklärung der medizinischen Sachverhalte liegen. Inzwischen werden wir auch mit Infektionsraten, Todesfällen und anderem bedient, die einerseits abstumpfen, anderseits alarmieren. Der Normalsterbliche kann diese Informationen nicht mehr interpretieren oder einordnen.
Vergiften Corona-Verweigerer und -verschwörer die Stimmung zusätzlich?
Es ist wichtig, die Massnahmen zu respektieren, bis man mehr weiss. Wir müssen die Verschwörer so ernst nehmen wie die Ignoranten. Das erreichen wir aber nur, wenn wir sachlich fundierte Informationen über das Virus und die Krankheit erhalten. Wir müssten hier transparenter informieren und deeskalieren. Das ist wichtig. Bislang standen nur die Massnahmen im Vordergrund. Die Menschen sollten aber auch erfahren, dass Infektionskrankheiten zu unserem Leben gehören. Es ist hoch spannend, wie sich der Einzelne verändert und sich nicht darauf besinnt, dass wir eine begrenzte Lebenszeit haben. Als Arzt ist es für mich jetzt wichtig und zentral über die Ursachen der Pandemie nachzudenken. So stosse ich auf Unwissen und Ungewissheit. Die Coronaviren sind ja seit Jahren bekannt. Was jetzt folgt, ist die mediale Begleitung für den epidemiologischen und virologischen Benefit. Das ist neu. Es gibt im Moment keine Antworten darauf, ob wir resistent sind. Wir sind alle geprägt von politischen Massnahmen, die uns in eine Zwangsjacke zwingen.
Only bad news are good news?
No news are good news, wäre in dieser Situation wohl besser. Etwas provokativ gedacht: Vielleicht würde ein medialer Lockdown während ein paar Tagen helfen, anders über die jetzige Situation zu denken.
Was raten Sie einem Menschen, der sich bedroht fühlt und dadurch gelähmt ist in dieser Situation?
In einem Notzustand gibt es zwei Strategien. Die eine nenne ich die Starrheit. Ich bewege mich nicht und hole mir die Informationen nur über eine bestimmte Informationsquelle. Die zweite ist: Ich besinne mich und überlege, was für Möglichkeiten und welchen Ausweg ich habe. Der Mittelweg der beiden Strategien erscheint sinnvoll: Wir müssen die guten, konstruktiven von den weniger guten Informationen trennen. Das ist aber alles andere als einfach. Wir werden mit Informationen überschüttet, die wir einordnen müssen. Ein paar Beispiele: Ein Patient fragt: «Ich habe Corona, muss ich jetzt sterben?» Der andere will wissen: «Erklären Sie mir, was in Italien passiert ist.» Ich müsste dann mit der gleichen Bildkraft etwas relativieren, das oft übertrieben wurde. Denn es findet eine Verschärfung alles Negativen statt.
Praktischer Handlungsansatz – 7 Schritte zur mentalen Befreiung nach Didi Schmidle
1. Mut zur Demut
2. Beseitigung von Wut und Neid
3. Respekt gegenüber allem und allen
4. Vertrauen fassen und bilden
5. Rückzug und Ruhe
6. Spiritualität leben
7. Ethische Grundprinzipien verfolgen
Was also ist zu tun?
Jetzt wäre es an der Zeit, das Ganze umzudrehen. Wir haben die Chance, über anderes nachzudenken: zum Beispiel über politische Mechanismen und Abläufe, über gesellschaftliche Verhaltensweisen, über gesundheitliche Zusammenhänge und unsere Position dazu. Wir müssten einen Marschhalt machen, bedenken und neu bewerten.
Geschieht das?
Es kommt vermehrt zum Dialog, und das ist gut. Wir müssen vermehrt vertrauensbildend und konstruktiv miteinander reden, nicht rechthaberisch und rücksichtslos. Wir können informativ unser Wissen austauschen, sowohl in der Bevölkerung als auch in den Fachgemeinschaften.
Sind wir in Kontroversen gefangen?
Für oder gegen eine Massnahme zu sein, ist per se nicht richtig. Als ehemaliger Gefängnisarzt kommt mir diese Situation ähnlich vor, wie wenn jemand unverschuldet im Gefängnis sitzt. Vorerst ohne Grund oder wegen einer Untersuchung. Er wird in eine sichere Umgebung gebracht. Bildlich gesprochen: Die Menschen in unserer Gesellschaft sind wegen der Corona-Pandemie unschuldig inhaftiert und mit Massnahmen belegt worden.
Wie äussert sich das?
Die Hausordnung in einem Gefängnis ähnelt unserem Lockdown, der notwendige Vorkehrungen trifft, Regeln und Verhaltensweisen in der Gesellschaft neu definiert. Das überfordert. Wir werden automatisch wütend, haben Unverständnis, sind aufgebracht. Die Perspektive lautet: Wir sind unschuldig in einen Lockdown geraten. Wir erleiden Massnahmen, mit denen wir nichts zu tun haben wollen. Wir weigern uns vorerst instinktiv, diese Massnahmen zu akzeptieren. Es ist das Problem der anderen, nicht unseres – so der Denkansatz.
Sind wir überfordert?
Ja, das sind wir. Und das hat eine Kehrseite. Wir bedienen uns der Themen wie in einem Einkaufsladen. Wir reden zum Beispiel lieber über die Umweltprobleme im Allgemeinen als über konkretes Recycling oder Energiesparen im Haushalt. Wir reden lieber über den Klimawandel als über konkrete CO2-sparende Massnahmen im eigenen überschaubaren Umfeld. Wir reden über das allgemeine Flüchtlingselend, statt über das Schicksal des einzelnen Flüchtlings. Wir vermögen gar nicht genau hinzuschauen. Wohl einfach, weil wir überfordert sind. Weil wir uns jetzt in einer absoluten Notsituation ertappen. Wir müssten einen Moment innehalten und fragen: Wo sind wir? Ähnlich wie ein verirrter Bergwanderer oder wie jemand, der auf offenem Meer treibt.
Sind wir derart orientierungslos?
Das Thema sollte im Grunde das Virus sein, nicht die Massnahmen. Diese dürfen nicht der Grund sein, dass wir das Virus gewissermassen boykottieren. Wir wissen mittlerweile, dass das Virus sehr ansteckend ist, und offenbar sind ältere Menschen mit Vorerkrankungen besonders gefährdet. Also macht es Sinn, die Massnahmen konsequent einzuhalten und insbesondere unser Immunsystem zu stärken.
Blockiert uns das Gefangenenbild mental?
Angst und Unwissenheit begleiten uns seit unserer Geburt. Das gehört zum Leben. Ein Beispiel. Wir haben vor nicht allzu langer Zeit – bildlich gesprochen – einfache Nahrung zu uns genommen. Später geniessen wir ein opulentes Mahl. Das Virus zwingt uns nun zu einem Reset, den wir gerne anders gestaltet hätten. Wir sollten jetzt innehalten, um uns und unser Miteinander zu überdenken.
Das ist zwar nachvollziehbar, aber wir werden von existenziellen Ängsten geplagt. Unsere stark globalisierte Wirtschaft leidet extrem. Das macht auch Angst. Wie wirken wir dagegen?
Ich komme zurück auf das reich angerichtete, opulente Mahl. Die Wirtschaft, die uns zwar viel Materielles ermöglicht, hat auch unser Wunschdenken verändert. Dank der Globalisierung haben wir heute Zugang zu unzähligen Produkten des täglichen Bedarfs zu oft beschämend tiefen Preisen. Alles wird dem Profit untergeordnet. Diese Entwicklung empfinde ich, und ich glaube viele Menschen denken ebenso, als ungesund. Ich masse mir nicht an, die wirtschaftlichen Implikationen der Pandemie zu kommentieren, dazu fehlt mir die Kompetenz. Doch ich denke, wir sollten uns vermehrt kleinräumig bewegen und unsere Bedürfnisse möglichst lokal befriedigen.
Als Arzt sind Sie auch psychologisch geschult. Erfahren Sie in Ihrer Praxis die Angst der Leute?
Ja, gewiss. Und zwar von Patienten jeden Alters. Viele Patienten kommen mit Angst in die Praxis. Es ist die Zeit des Gesprächs, des Zuhörens. Eine Zeit der Vertrauensbildung.
Braucht es eine kritische Reflexion darüber, wie wir mit der Krise umgehen?
Es geht um eine auf Wissen ruhende Information, aber – ehrlicherweise – auch darum, zuzugeben, dass wir nicht alles über das Virus und dessen Implikationen wissen.
Wie machen wir das?
Für Menschen, die sehr früh eine hohe spirituelle Affinität haben, ist es einfacher, sich mit der Angst zu befassen. Zuerst einen Schritt zurück mit Demut, und dann mit einer solideren Haltung mutig voranzuschreiten – das wäre wünschenswert. Mut zur Demut sozusagen. Es ist hoch interessant. Manchmal wirkt etwas sinnlos, doch im Grunde ist es sinnhaft. Manchmal wirkt etwas übermütig, dabei ist es nur leichtsinnig. Manchmal wirkt etwas überheblich oder übertrieben und ist im Grunde respektlos. Wir sollten wieder zurück zur Einfachheit. Wenn ich mir einen Exkurs in den Buddhismus erlauben darf: Wir müssen unsere Wut, unsere Gier und auch unsere Unkenntnis überwinden. Diese fördern unsere Unsicherheit und unsere Ängste. Das ist zwar noch keine Erkenntnis, aber ein wichtiger Lernschritt.